Negret II


 

Negret war verwirrt und traurig. Nichts war so wie er es gewohnt war, seit dem Tag als die fremden Leute sein Herrchen in dem schwarzen Auto weggebracht hatten. Ängstlich hatte er sich vor den vielen Männern hinter den Ställen versteckt.

Seitdem war Negret alleine in der Casita. Zwar kam täglich jemand aus dem Dorf, brachte ihm Futter und fütterte auch die Tiere in den Ställen. Aber sein Herrchen kam nicht wieder, solange Negret auch am Straßenrand saß und auf die Strasse schaute. Schließlich vor einigen Tagen waren wieder fremde Leute auf die Finca gekommen. Negret hatte die Frau erkannt, die zu seinem alten Herrchen gehörte. Sie hatte ihn auf den Arm genommen und lange gestreichelt. Die Worte, dessen Sinn der kleine Hund nicht verstanden hatte, hatten sich mit Tränen vermischt.  Wie aber hatte sich Negret gefreut. Vielleicht käme auch sein Herrchen wieder. Aber weder die Frau, noch die fremden Männer und Autos hatten nach seinem Herrchen gerochen. Traurig hatte Negret sich abseits hingesetzt und zugeschaut wie sie einige kleinere Möbelstücke und Geschirr in das Auto trugen. Auf dem Feld neben dem Haus hatte einer der Männer alte Kleidungsstücke, verbrannt. Alles was so auf der Terrasse herumlag, alte Decken, Futtersäcke, Holzkisten und zwei wurmstichige Stühle landeten in dem Feuer, ebenso  wie der alte Schaukelstuhl mit seinem Kissen.

„Was ist mit dem Hund?“ fragte einer der Männer. „Kommt der auch mit?“

„Nein!“ antwortet die Frau. „Morgen kommt jemand ihn, die Ziege und die restlichen Tiere abholen! Franzisco hatte das wohl schon seid längerem mit einem Schäfer aus dem Nachbardorf abgesprochen.“

Die Frau hatte ihn noch einmal liebevoll gestreichelt und dann waren die beiden Autos abgefahren. Noch nie war Negret einem Auto hinter hergelaufen.  Sein Herrchen hatte es ihm strikt verboten. Trotzdem lief Negret diesmal hinter den Autos her. Unschlüssig hielt er immer wieder an, schaute  zurück, so als ob er wüsste, das er nicht auf der Strasse laufen durfte. Schließlich, als die er die Autos nicht mehr sehen konnte, blieb er stehen. Zögernd lief er die Felder zu beiden Seiten der Strasse ab. Immer wieder schaute Negret auf die Strasse, die ins Dorf führte. Erst als die Sonne hinter dem fernen Gebirge verschwand  lief er zur Casita zurück. Der alte Schaukelstuhl, seit Jahren sein Schlafplatz war nun nicht mehr da. Unruhig lief er hin und her, bis er sich in der Ecke der Terrasse schlafen legen wollte. Aber der kleine Hund stutzte, irgendetwas beunruhigte ihn noch mehr, als das Fehlen seines angestammten Schlafplatzes. Etwas stimmte nicht. Etwas war nicht wie immer. Unruhig lief Negret hin und her, spitzte die Ohren und horchte. Nichts!  Aber irgendwie fehlte etwas! Die im Abendwind knarrende Stalltür erregte schließlich seine Aufmerksamkeit. Das war es! Die ständigen leisen Geräusche in den Ställen waren verstummt.  In seiner Abwesenheit hatte jemand die Hühner, die Kaninchen und die alte Ziege abgeholt. Der Stall war vollkommen leer. Negret schnupperte an den leeren Gehegen der Hühner, fand ein vergessenes Ei, zögernd schaute er  zur Tür,  aber schließlich fraß er das Ei  mit Genuss, dann rollte er sich in dem warmen Stroh zusammen und schlief ein.

Die Lebensumstände hatten aus dem kleinen pummeligen Hofhund Negret  in kurzer Zeit einen muskulösen Überlebenskämpfer gemacht. Er lief stundenlang ohne zu ermüden. Erkundigte Wege, die nach Hunden oder Katzen rochen und umschlich unbewohnte und auch bewohnte Casitas, denn meist fand er dort noch Futterreste, oder er durchwühlte  Mülltonnen nach fressbaren Abfällen. Negret war jung, das freie Herumlaufen machte ihm Spaß und die Futtersuche wurde zu seinem Lebensinhalt. Er hielt sich fern von den Menschen. Nicht das er Angst vor Ihnen hatte, doch instinktiv scheute er den nahen Kontakt. Auf den Feldern gab es jetzt viel Arbeit. Die Labradores, die Bauern, schnitten Bäume, Weinreben, verbrannten trockene Äste und Sträucher, und mancherorts wurden schon die ersten Felder gepflügt. Überwiegend waren es lärmende Traktoren, die über die Felder fuhren, doch manchmal traf Negret noch auf Bauern, die mit einem Muli, oder einem Esel geruhsam Furche um Furche zogen. Nicht selten saß Negret dann stundenlang versteckt im Gras und schaute sehnsüchtig zu. Wenn ein vertrauter Ruf zu ihm herüber schalte, durchzog ihn ein wohliges Gefühl. Doch konnte er sich nicht entschließen sich einem dieser Bauern zu nähern. Manche hatten Hunde mit dabei, die ihn nicht selten mit wütendem Gebell, oder sogar mit kräftigen Bissen in die Flucht jagten! Mit der Zeit entfernte sich Negret immer mehr den Dörfern. Was ihn bewegte in die Berge hinauf zu laufen, wusste der kleine Hund nicht. Vielleicht war es der Jagdinstinkt, der in ihm erwacht war. Auf einer Strasse hatte Negret eines Nachts ein angefahrenes Kaninchen gefunden. Erst hatte Negret nicht gewusst, was er mit dem zappelnden Kaninchen anfangen sollte. Wäre es tot gewesen hätte er es ohne Umstände gleich gefressen. Noch hatte er die Schimpfe in Erinnerung, die er von seinem Herrchen bekommen hatte, als er nach den Kaninchen im Stall geschnappt hatte. Lebendes Futter war für ihn immer tabu gewesen. Doch schließlich hatte der nagende Hunger gesiegt. Manchmal hatte Negret beim Fressen inne gehalten, als erwartete er die Stimme seines Herrchen zu hören, doch nachts in den Bergen waren andere Geräusche zu hören. Geräusche, wie sie der dunkel gekleidete Mann machte, der manchmal nachts den Berg herauf kam. Negret war ihm stets weit aus dem Weg gegangen. Negret beobachte zwei Kaninchen, die unter den blühenden Mandelbäumen um die Wette liefen. Immer wieder rannten die Kaninchen um die Baumstämme, schlugen Haken und blieben schließlich ganz in seiner Nähe hocken um an dem frischen Gras zu mümmeln. Witternd zog eines der Kaninchen die Luft ein und schaute misstrauisch um sich. Negret machte sich zum Sprung bereit. Wie eine Katze duckte er sich  und sprang mit einem weiten Satz aus dem Gestrüpp. Die Kaninchen liefen erschreckt auseinander. Negret verfolgte erst das eine, dann das andere Kaninchen, das direkt vor  ihm einen schmalen Pfad hoch rannte. Kurz vor ihm schlug das Kaninchen einen Haken und verschwand in einem hohen Brombeerstrauch. Ein scharfer Ruck stoppte Negrets rasanten Lauf.  Erschreckt jaulte er auf. Eine  Drahtschlinge fraß sich schmerzhaft in seinen Hals. Vergessen war das Kaninchen und der Hunger in seinem Bauch. Er bekam keine Luft und zerrte verzweifelt an der Schlinge, dessen Ende an einen dicken Strauch festgebunden war. Schließlich, nach unendlichen Minuten hielt Negret erschöpft inne. Halb erstickt stellte er fest, dass sich die Schlinge etwas lockerte, wenn er nur ganz still liegen blieb. Durst quälte ihn. Sobald die Sonne hinter dem Berg verschwand wurde es sehr schnell eisig kalt. Stunde um Stunde lag Negret dem kalten Wind ausgesetzt auf dem kahlen Erdboden.  Unbeweglich horchte er den Geräuschen der Nacht. Manchmal hörte er in der Ferne Hundegebell, dann schrien zwei Katzen ganz in der Nähe. Negret knurrte leise, als ihm der schwache Geruch eines Fuchses in die Nase stieg. Der Fuchsgeruch brachte ihm den Hühnerstall seines alten Herrchens in Erinnerung. Eines Nachts war ein Fuchs dort eingebrochen und hatte zwei Legehennen getötet und eine dritte mitgenommen. Negret sehnte sich plötzlich nach Hause. Er meinte den Stall, die alte Casita und den Schaukelstuhl mit seinem Kissen vor sich zu sehen. Wie im Traum bewegte er die Pfoten, als ob er zu seinem Herrchen auf den Schaukelstuhl springen wollte, doch die Bewegung riss die Wunde an seinem Hals wieder auf. Negret winselte leise, dann wurde er lauter und obwohl sich die Drahtschlinge wieder zuzog, heulte er laut klagend in die Nacht.

Es hörte sich an wie ein junger Wolf und erschrocken von seiner eigenen Stimme, brach Negret abrupt ab und lauschte. Aber es kam keine Antwort. Vorsichtig legte er seinen Kopf auf die Pfoten und als die ersten Sonnenstrahlen sein Fell erwärmten, fiel er  in einen tiefen Schlaf.  

„Na so etwas! Negret!“  Erschrocken riss Negret die Augen auf. Vorsichtig lösten breite Männerhände die Schlinge von seinem Hals. Trotzdem tat es weh. Aufjaulend schnappte Negret zu. Aber sofort ließ er wieder los und leckte, wie um Verzeigung bittend die Finger, als er merkte dass der Druck um den Hals verschwunden war.

„Ist ja gut, Negret.“  Der Mann hob ihn hoch und steckte ihn vorne in seine warme Windjacke. Die Jacke roch wohl vertraut nach Ziegen und Schafen. „Wie bist du bloß alleine so weit gelaufen? Hast wohl deine Ziegenfreundin gesucht, was? Hier oben in den Bergen hat dich auch keiner vermutet. Wir haben dich im Dorf gesucht. Und nun finde ich fast in letzter Sekunde, das war wirklich knapp.“  Negret verstand den Sinn der Worte nicht, aber der ruhige Tonfall mit dem der Schäfer mit ihm sprach, nahm Negret die letzte Angst. Er kuschelte sich tief in die Jacke und schloss wohlig die Augen. Nun war alles wieder gut.  

 

Diese Kurzgeschichte wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Frau Ingeborg Buchholz.

Vielen Dank auch nocheinmal an dieser Stelle.

 

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