
Negret
Eine Kurzgeschichte von Monika Buchholz
Ein eisigkalter Wind wehte. Aber dass schien dem kleinen Hund nichts aus zu machen. Sein kurzes schwarzes Fell glänzte und an seinem blauen Halsband klingelte leise ein Glöckchen. Aufmerksam saß er auf einer kleinen Mauer. Unablässig war sein starrer Blick auf die Straße gerichtet, die ins Dorf führte. Jetzt näherte sich langsam ein Auto. Die kleinen Schlappohren richteten sich nach vorne. Rasch sprang er von der Mauer. Der altersschwache Citrón kam quietschend vor der alten Casita zum stehen. Freudig bellend sprang der kleine Hund an der Autotür hoch.
„Na, Negret! Hast wohl schon Hunger, was?“ Mit einen improvisierten Eimerchen aus einer großen Blechdose, stieg ein alter Mann mühselig aus dem Wagen. Schwer atmend schlurfte er die wenigen Meter zum Haus und ließ sich erleichtert in den alten Schaukelstuhl fallen, der seit eh und je vor der kleinen Casita stand.
„So warte doch.“ wehrte Franzsico lachend den ungeduldigen Hund ab, der ihn schwanzwedelnd umtanzte, teils weil er sein Herrchen gebührend begrüßen wollte, teils auch weil der Duft aus der Blechdose ihm verführerisch in die Nase stieg. Während Negret sein Futter vertilgte folgten seine blanken schwarzen Knopfaugen jeder Bewegung seines Herrchens. Dieser fütterte die zwei Kaninchen, von denen das Weibchen winzigen Nachwuchs in ihrer Wurfkiste liegen hatte.
Auch Rosa, die alte Ziege, die schon seid langen keine Milch mehr gab und die braunen Legehühner, die wie immer ihre Arbeit getan hatten und eine Menge Eier im Stroh in den Legekisten liegen hatten bekamen ihr Futter. Nur langsam ging dem alten Mann die Arbeit von der Hand. Immer wieder suchte er seinen Schaukelstuhl auf und musste sich ausruhen. Dann lief Negret sofort zu ihm hin und sprang auf seinen Schoß. Unablässig sah er sein Herrchen an.
„Schau mich nicht so an, Negret. Ich bin alt. Alt und krank.“ Nachdenklich blickte der alte Mann über die jetzt brach liegenden Felder. Unkraut wucherte auf dem fruchtbaren Acker. Die schmalen Bewässerungskanäle waren trocken. Altes Gestrüpp und Unrat verstopften die Durchlaufrinnen. Noch vor zwei Jahren hatte er alle Arten von Gemüse und natürlich auch Kartoffeln und vor allen Tomaten angepflanzt. Reichlich war die Ernte gewesen und täglich hatte er voller Stolz seiner Frau Körbe voll frischen Bohnen, Tomaten, Zwiebeln und Kartoffeln nach Hause gebracht. Manche Jahre war die Ernte so groß gewesen, das seine sonst so sparsame Frau mit guten Gewissen den Nachbar Obst und Gemüse abgegeben hatte. Das schien ihm jetzt so lange her. Nun hörte er zu Hause nur noch, dass die täglichen Fahrten zur Casita zu anstrengend für ihn wären. Und vor allem lag ihm seine Familie in den Ohren, er solle doch die verflixten Tiere endlich abschaffen, sie würden nur Arbeit machen. Aber hatte er nicht schon seine Pepa, die Mulistute, die noch in den besten Arbeitsjahren war, verkauft? Und wie enttäuscht war er gewesen, als er schon nach kurzer Zeit hörte, dass man Pepa weitergegeben hatte. Erst viel später hatte er erfahren, das Pepa auf Grund ihres lieben und ehrlichen Charakters in einer Granjaescuela, einer Art Landschulheim, ein liebevolles Zuhause gefunden hatte. Als er sie einmal besuchte, hatte ihm die graue Mulistute, umringt von unzähligen Kindern, die sie streichelten und mit Bürsten bearbeiteten, keine Beachtung geschenkt. Aber er hatte es ihr nicht übel genommen und war leichten Herzens wieder Heim gefahren.
Ein junger Nachwuchsschäfer, der Sohn eines guten Freundes aus dem Nachbardorf, würde an diesem Wochenende kommen und seine Ziege mitnehmen. Der Junge hatte versprochen, die alte Ziege in der Herde mit laufen zu lassen, solange sie noch könne. Der Stall wurde nun immer leerer. Ihm blieben nur noch die Hühner und die Kaninchen. Doch es viel ihm schwer, denn seid er denken konnte, hatte er Tiere gehabt. In seinem Stall haben immer zwei oder drei Esel oder Mulis gestanden. Viele Jahre lange hatte er sogar ein kräftiges Arbeitspferd besessen. Mit ihm den Acker gepflügt, es gehegt und gepflegt und geruhsame Fahrten mit dem Karren in die umliegenden Dörfer gemacht. Auch als alle seine Freunde ihre Arbeitstiere gegen moderne Maschinen tauschten hatte es ihm einfach Spaß gemacht weiterhin die Felder mit seinen Arbeitstieren zu bearbeiten. Und Zeit, Zeit war etwas, was er eigentlich immer gehabt hatte.
Nur jetzt, jetzt lief ihm die Zeit davon. Es gab noch so viel zu tun, wenn er auch seine Weinfelder schon seit langem in Pacht gegeben hatte. Und seinem Sohn Paco, der an der Küste eine gut gehende Autowerkstatt hatte und am den Wochenenden mit Frau und den beiden Mädchen zu ihnen ins Dorf kam, konnte er es auch nicht verdenken, das er sich nicht für die wenig einbringende Feldarbeit interessierte. Nur das Paco ihm mit taktlosen Worten von seinen täglichen Fahrten zur Casita und vor allen von seinen Tieren abbringen wollte, konnte er ihm nicht verzeihen. Es tat ihm weh, wenn sein Sohn gefühllos über all das herzog, was ihm ein Leben lang lieb und teuer gewesen war. Und dann war da Negret! Negret war aus dem letzten Wurf seiner alten Linda. Vierzehn lange Jahre hatte die stummelschwänzige gelbe Hündin ihn tagtäglich begleitet, dann hatte sie eines Morgens tot in ihren Körbchen im Patio gelegen. Er schaute zu dem Zitronenbaum, unter dem er Linda begraben hatte.
Negret war nun auch schon… Er rechnete nach. Vier Jahre alt war sein kleiner Schwarzer. Eigentlich gehörte der kleine Rüde ja seinen beiden Enkelinen, aber sein Sohn wollte den Hund nicht in seinem Haus haben und so war Negret bei ihm geblieben. Manchmal an den Wochenenden oder in den langen Sommerferien fuhr die ganze Familie aufs Land und dann wollten die Mädchen mit „Ihrem“ Hund spazieren gehen. Negret ließ sich brav an einer improvisierten Hundeleine durch die schmalen Straßen des Bergdorfes ziehen und freute sich über den Spaziergang.
Mühselig zog der alte Mann das Brunnenseil hoch. Nur halbvoll war der Blecheimer, aber doch schon zu schwer für ihn. Aber er musste noch den Wasserspender für die Hühner auffüllen und auch das Trinkwasser für Negret auswechseln. In der angeschlagenen alten Keramikschale schwammen trockene Blätter. Der kleine Hund war da sehr empfindlich und würde das restliche Wasser verschmähen. Franzisco zog sein Taschentuch aus der Hosentasche und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Prüfend sah er zum Himmel. Es würde bald regnen. Muss mich erst ein bisschen ausruhen. Der Schaukelstuhl ächzte unter seinem Gewicht, als er sich schwerfällig hinein fallen ließ. Negret kam zu ihm und sprang leichtfüßig auf seinen Schoß. Wohlig schloss der kleine Hund seine Augen, als ihm die schwieligen Hände liebevoll das Fell kraulten. Plötzlich stockten die Hände. Was würde eigentlich aus Negret, wenn ihm was passierte? Um seine Hühner und Kaninchen machte er sich keine Gedanken. Irgendjemand würde sich der Nutztiere schon annehmen, aber Negret? Was würde aus dem kleinen Hund? Er seufzte. Obwohl seine Frau Linda ganz gerne gehabt hatte, wollte sie nach dem Tod der Hündin den kleinen Negret nicht mehr in ihrem schmucken Haus im Dorf dulden. Und so kam es, das Negret alleine in der Casita bleiben musste und traurig seinem Herrchen nach sah, wenn er mit dem Auto weg fuhr. Nicht einmal jetzt wo es kalt war und die Weihnachtsfeiertage nahten, durfte er Negret mit nach Hause nehmen. Franziscos Hände verkrampften sich. Negret sah ihn erstaunt an. Die kleine Zunge leckte heiß über seine alten Finger.
Ein Traktor fuhr vorbei. Der junge Fahrer sah zur Casita rüber, hob den Arm und hupte kurz zum Gruß. Negret lief wütend bellend den Weg zur Straße hinunter. Von dem Anhänger des Traktors antwortete giftig ein rotweißer Jagdhund. Negret steigerte sich in wilde Raserei und beruhigte sich erst, als der Traktor außer Sichtweite war. Aufgeregt schnuppernd durchstöberte er das anliegende wild verwucherte Feld. Dann hatte Negret die fremde Katze aufgestöbert, deren Geruch ihn schon länger unruhig gemacht hatte. Fauchend entwich die Rotgetigerte auf einen hohen Pinienbaum.
Dort oben konnte er die Katze nicht erreichen, das wusste Negret aus Erfahrung. Er lief zu seinem Herrn hin, der ihm viel zu lange in dem Schaukelstuhl saß.
Seine winzige Nase stupste an die Hosenbeine, doch der alte Mann reagierte nicht. Negret rollte sich zu seinen Füßen zusammen und schlief ebenfalls ein. Einige Zeit später kam der Traktor zurück. Wieder ertönte die Hupe. Der Fahrer hob grüßend die Hand und blickte zur Casita hoch. Dann verlangsamte er die Fahrt und brachte den Traktor auf einem Feld zum stehen. Rasch kam der junge Mann den Weg hoch. Negret lief ihm bellend entgegen.
„Ist ja gut Kleiner.“ Der junge Mann wollte Negret streicheln, doch dieser lief zu seinem Herrn und sprang ihm mit Schwung auf den Schoß. Fast wäre er wieder abgerutscht. Franziscos breiten Hände hatte ihn nicht wie sonst auf gefangen.
Kurz vor der Casita blieb der junge Mann zögernd stehen. Er wollte den alten Mann nicht erschrecken.
„Franzsico?“ rief er leise. Doch der alte Mann antwortete nicht und der Junge begriff. Er rannte zurück zu seinem Traktor und fuhr schnell in´s Dorf hinunter.
Negret blieb auf dem Schoß sitzen. Eifrig leckte er an den Fingern und wunderte sich, dass er nicht wie sonst liebevoll schimpfend abgewehrt wurde. Fragend blickte Negret in das Gesicht seines Herrn. Er winselte, erst leise, dann etwas lauter, dabei stupste er vorsichtig an das Kinn. Immer wieder blickte er zu den geschlossenen Augen und wedelte dabei leicht mit dem Schwänzchen. Doch Franziscos Augen hatten sich für immer geschlossen.
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