
“Die Hundepredigt”
Manchmal denke ich, er macht das mit Methode.
Und wie lässt er mich spüren, dass ich es bin, der immer noch dazu zu lernen hat. Ganz diskret schafft er immer wieder Lernanlässe für mich: verbeißt den neuen Teppich, damit ich mein Herz nicht allzu sehr an irdische Dinge hänge; verschleppt zum 100. Mal meine Hausschuhe, damit ich mich in Gleichmut und Geduld üben kann. Mitten in der Nacht kommt er zu mir ins Bett gesprungen, um mich seine Nähe spüren zu lassen. Beim Gassi-Gehen am Morgen trödelt er, bis ich es bestimmt nicht mehr rechtzeitig zum ersten Termin schaffe. So lerne ich -und meine Mitmenschen gleich mit mir-, dass Pünktlichkeit nicht der höchste aller Werte ist. Mit seinen 8 Jahren ist mein Hund ein geschickter Pädagoge geworden, das muss das neidische Herrchen ihm lassen!
Ich dagegen merke immer mehr, bin als Erzieher weniger begabt. Wenn ich versucht habe, ihm mal wieder etwas beizubringen, durchschaute er mich sofort. Er merkt die Absicht, und der Erziehungsversuch misslang:
“Hör mal”, sage ich zu ihm (so ungeschickt kann auch nur ein Mensch anfangen): “Hör mal, wenn du jetzt deinen ganzen Hundekuchen auffrisst, dann hast du heute Nachmittag nichts mehr!”
Mitleidig schaut er hoch und wägt kurz ab, ob meine Aufforderung wirklich so ernst gemeint ist, wie sie klingt. Und frisst weiter Stück um Stück in sich hinein und lässt mir die Zeit derweil über meine “Spare in der Zeit…”-Philosophie nachzudenken.
Früher hätte man wahrscheinlich gesagt, mein Hund tanze mir auf der Nase herum. Heute sieht man das differenzierter, wir bilden uns nicht mehr ein, Tiere kämen quasi als leere Gefäße auf die Welt, die wir mit unserer menschlichen Weisheit und Ordnung füllen müssten. Ganz im Gegenteil: Auch Tiere entwickeln vom ersten Tag ihres Lebens an ihre eigene Wirklichkeit und Persönlichkeit, die der Logik und der Weisheit unserer Menschenwelt oft widerspricht. Und konfrontiert mit dieser anderen Wirklichkeit habe ich die Wahl: entweder ich gehe zu ihr auf Kollisionskurs oder ich lerne von ihr!
Der Kollisionskurs: ich schreie ihn an, wenn er im Wohnzimmer den Boden zerkratzt, ich sperre ihn beim Mittagessen aus der Küche aus, weil er dauernd bettelt, gebe ihm den biologisch wertvollen Kauknochen statt der quietschenden Gummi-Maus, auf die er so wild ist.
Die Alternative: Das Herrchen ist gelehrig. Es begreift, dass Spielen und Spazierengehen keinem höheren (pädagogischen) Zweck dient, sondern allein dem Spielen. Ich sehe ein, dass ein Parkettboden kein Heiligtum ist, sondern zum täglichen Gebrauch bestimmt. Ich lerne, dass man nicht bloß isst, um am Ende satt zu sein, sondern, dass das Essen auch Spaß machen muss, und dass man diesen Spaß ruhig mit seinem Hunde teilen kann!
Schöne, heile Welt, – sagen Sie? Faule Ausreden? Zugegeben, es macht einen Unterschied, ob mein Hund beim Sonntagsnachmittags-Spaziergang herumtrödelt, oder morgens früh kurz vor Arbeitsbeginn. Trotzdem frage ich mich, ob nicht etwas faul ist, wenn wir ständig den Verhältnissen und sogenannten Sachzwängen die Schuld geben für unsere Konflikte. Vielleicht ist unser: “Das geht doch nicht anders”, nur ein Zeichen unserer menschlichen Faulheit und Denk-Schwäche. Vielleicht sind wir einfach zu phantasielos, unsere Konflikte anders zu lösen, als zugunsten unserer unumstößlichen menschlichen Sachzwänge. Oder wir wollen uns im Grunde gar nicht von einem Tier in Frage stellen lassen: das wäre der Abschied vom Mythos der menschlichen Oberherrschaft über alle Geschöpfe dieser Welt.
Und dabei gibt es viel zu lernen im Umgang mit Tieren, nicht nur stoische Ruhe und Gleichmut im Chaos.
Tieren fehlt auch die Verbissenheit und Grundsätzlichkeit, mit der Menschen sich und anderen das Leben schwer machen. Sie leben wirklich nur in der Gegenwart. Sie wollen nicht ständig mit allem, was sie tun, etwas erreichen, sondern gehen ganz auf in ihrer Tätigkeit, sind, was sie tun. Nur ein Hund bringt es fertig, zigmal das gleiche Stöckchen herbeizuschleppen, nur weil `s ihm Spaß macht. Das Herrchen dagegen versucht, ihm damit Gehorsam beizubringen und ärgert sich über seinen Hund, wenn er ihm einmal den Dienst versagt.
Ich lerne also, wieder unverbissener zu spielen und zweckloser spazierenzugehen. Ich lerne, auf die Blumen, Bäume, Menschen und Tiere am Weg zu achten und nicht nur auf die Zeit. Ich lerne, lerne, lerne.
Natürlich lernt mein Hund auch etwas von mir, aber ich habe das Gefühl, er macht dabei einen schlechten Tausch: Ich bringe ihm Gehorsam bei, er nimmt mir die Verbissenheit. Ich zeige ihm, wie man einen Ast oder Ball apportiert, er entdeckt die Möglichkeiten, die sonst noch in ihm stecken. Ich erziehe ihn zur Ordnung, er steckt mich an mit seinem Leichtsinn.
Trotzdem ist mein Hund kein Guru und ich bin nicht sein ergebener Jünger, der in jedes Verhalten eines Tieres einen besonderen Tiefsinn hineingeheimnist. Ich liebe meinen Hund, aber ich bete ihn nicht an. Empörtes Hundegebell bleibt empörtes Hundegebell und geht mir auf die Nerven. Es geht mir auf die Nerven, weil s unausstehlich ist.
Nur deshalb? Nein, es erinnert mich auch an etwas: Der wütende Hunde-Protest weckt in mir die Erinnerung an die Empörung, die ich als Kind gegenüber unzähligen Verboten und Zurechtweisungen empfunden habe. Ich spüre sie wieder, diese Wut des ohnmächtigen Kindes – und ich frage mich, ob ich eigentlich stolz darauf sein soll, gelernt zu haben, alles hinunterzuschlucken. Ich habe das auch einmal gekonnt, mich bockig auf den Boden zu werfen, protestierend zu brüllen und ich verspüre Lust, es meinem Hund gleichzutun und einmal keine Vernunft walten zu lassen, keine Einsicht zu zeigen. Wenn mein Hund etwas nicht mag, spuckt er es wieder aus. Ich lerne davon und sage wieder häufiger: Nein, wenn ich etwas nicht will, statt mich widerwillig dazu drängen zu lassen. “Merkwürdig”, sagt dann meine Umwelt, “so war er doch sonst nicht”. Aber auch meine Mitmenschen sind lernfähig. Sie lernen, dass ich nicht zu allem Ja und Amen sage, jeden Widerspruch hinunterschlucke. “So war er doch sonst nicht”, sagen sie, “das muss an dem Hund liegen. Seit er zu Hause so einen Stress hat, ist er immer leicht gereizt”.
Predigt von Pfarrer Norbert Häusle – vielen Dank, für diesen tollen Text!
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