
Obdachlos mit Hund – Mein Glück liegt meistens auf der Straße
Wenn Udo morgens durch die Kälte geweckt wird, hat er das Fresschen für Buddy schon fertig. Denn für ihn ist der Große Schweizer Rüde mehr als nur ein Freund, mehr als ein Zuhause, denn von beidem hat er nicht mehr viel, seitdem der 43-Jährige auf der Straße lebt.
„Ich hatte alles, was man so hat in meinem Alter, Job, Frau, Haus, Boot und zwei Kinder. Dann hat mir die Scheidung den Boden unter den Füßen weggezogen.“ Als wollte er verbergen, dass er sich vom Leben betrogen fühlt, erzählt Udo trotzig, dass er zeitweise Straßenhunden als Pflegestelle ein vorübergehendes Zuhause geboten hat – damals, als er selbst noch eines hatte.
Mit 20 Euro am Tag kommt er aus, Futter für Buddy bekommt er von der Tiertafel, und den schweren Herzfehler seines vierbeinigen Freundes kann er nur mit Hilfe des Underdog-Mobils behandeln lassen. Denn hier arbeiten ehrenamtlich Tierärzte regelmäßig und geben Medikamente an die Obdachlosen für ihre Tiere aus.
Vieles hat sich zum Positiven verändert in den letzten Jahren, und das bedeutet für wohnungslose Zwei- und Vierbeiner eine große Erleichterung.
Auch die 23-jährige Danny lebt seit unvorstellbaren sechs Jahren auf der Straße. Deshalb sind Obdachlosenunterkünfte wie z. B. das “Shelter”, “Ariadne” oder auch der “Knackpunkt” für Männer und Frauen unverzichtbar, denn hier können sie sich teilweise auch am Tage aufhalten, und ihre beiden vierbeinigen Freunde sind willkommen.
„Natürlich dürfen die Hunde nicht aggressiv sein“, erzählt die junge Frau mit dem blassen Gesicht aus Essen. Sie hat schon erlebt, dass dort die sogenannten Listenhunde in Unterkünften unerwünscht und somit die Besitzer gezwungen waren, auf der Straße zu übernachten. Jenny selbst hat schon in U-Bahn-Schächten und Hauseingängen übernachtet. „Man schläft nicht wirklich, denn die halbe Nacht passt man auf, dass man nicht überfallen oder beklaut wird. Ich bin schön Nächte einfach durchgelaufen, nur um mich nicht irgendwo hinlegen zu müssen“, erzählt sie und rutscht dabei nervös auf den Betonstufen hin- und her. Gute Erinnerungen daran hat sie offensichtlich nicht.
Auf der Straße leben heißt eigentlich immer aufpassen, nicht zuletzt deswegen sind die Hunde unverzichtbare Begleiter der Obdachlosen. „Außerdem nehmen die einen einfach so wie man ist und verurteilen nicht“, erzählt Danny leise und wirkt dabei ein wenig wie ein verlorener Teenager. Dabei hat sie bereits eine Tochter. Wo sie lebt, erzählt Jenny aber nicht. „Das kann ich nicht sagen“, flüstert sie und schüttelt dabei den Kopf.
Udo und Danny erscheinen grundverschieden und haben doch eines gemeinsam: sie leben einen Alltag auf der Straße und haben ihre Hunde immer dabei. Das hat positive und negative Folgen auch für die Vierbeiner. „Mein Glück heißt Buddy und liegt meistens auf der Straße“, sagt Udo, und sein Lachen weicht einem rauen, nichts Gutes verheißenden Husten. „Wir beide halten uns aus jedem Streit raus. Das hab ich ihm von Anfang an beigebracht“, erklärt der 43-jährige ehemalige Pferdebesitzer. „Und wenn es brenzlig wird, dann gehen wir eben.“ „Meine Hunde sind wie viele Straßenhunde sehr verträglich, aber natürlich gibt es auch immer mal Stress “, fügt Danny hinzu.
Ein Leben unter freiem Himmel birgt auch Gefahren und Verletzungen für die Hunde. Dabei ist es weniger die Tatsache, kein festes Zuhause zu haben, die den Hunden zu schaffen macht.
Gern lässt sich Terrier-Titus seine Pfötchen von Frau Dr. Katja Beyer ja nicht untersuchen, aber nach einem kurzen Brummen und eine paar guten Worten von der engagierten Tierärztin ist auch der schmerzende Glassplitter entfernt. „Im Grunde haben diese Hunde zwar die gleichen Krankheiten wie die sprichwörtlichen Haustiere, nur laufen sie z. B. natürlich öfter in Glasscherben. Sie haben auch durchaus die gleichen Abneigungen vor Behandlungen“, lacht sie und verbindet das Pfötchen mit einem grünen elastischen Klebeverband. „Schick! Und wie geht es Dir so?“, fragt die Düsseldorfer Veterinärin Titus Besitzer. Er wirkt rau und nicht besonders gesprächig, aber weil gerade sein vierbeiniger Freund kostenlos versorgt wurde, kann Dr. Beyer ihm entlocken, dass er seit einigen Tagen mit einer Bronchitis kämpft.
„Extreme Minusgrade und die Hitze im Sommer machen den Hunden zu schaffen, wenn sie keine Rückzugsmöglichkeiten haben. Bis minus 10 Grad ist es für einen Hund unbedenklich draußen, solange er in Bewegung ist. Für die Ruhepausen in der Winterzeit sind die Obdachlosen deswegen auch für eine Isomatte oder einen zusätzlichen Schlafsack dankbar“, weiß Katja Beyer. Aber zumeist nehmen die Notschlafstellen auch Hunde mit auf, sodass Erfrierungen oder Erkältungen nur selten sind.
Nach der Behandlung bekommt Titus natürlich eine Belohnung, damit sich das Stillhalten auch gelohnt hat. Sanft streichelt ihm sein Herrchen dabei über die strubbeligen Ohren. Er kommt mit seinem Hund nicht zum ersten Mal, genau wie viele andere obdachlose Hundebesitzer, die Verantwortung für ihre Tiere übernehmen. Deshalb sind diese Tiere auch in einem guten Zustand. Und auch wenn es Titus Herrchen nie zugeben würde: so manchen Rat der Sozialarbeiterin vor Ort hat er auch als Mensch schon angenommen.
„Über die Hunde bekommen wir Kontakt zu den Menschen. Wir nehmen sie ernst und sie uns umgekehrt auch. Das macht Verständigung aus“, erklärt Dr. Katja Beyer stellvertretend für die Tierärzte des Underdog Mobils und der Sozialarbeiter von fiftyfifty.
Während Danny die Pudel-Lucy davon abhält, ihren Hundekumpel Spike zu belästigen, erzählt sie von ihren Zukunftsplänen. „Ich habe Aussicht auf ein festes Zimmer. Dann will ich eine Ausbildung machen und mindestens einen 1-Euro-Job bekommen. Die Vergangenheit kann ich nicht mehr ändern und denke auch nicht darüber nach. Aber die Zukunft will ich in den Griff bekommen.“
Udo dagegen klingt noch unentschlossen. Sein Alltag hat wenig Struktur und ist geprägt vom Alkohol. Doch eigentlich weiß er, wie er von der Straße weg kommen kann. “Zum Amt gehen, Stütze kriegen. Das hab ich schon gemacht. Auch für Buddy, denn so haben wir ein warmes Plätzchen für den Winter bekommen und ziehen in ein Zimmer ein.“ Wie seine Zukunft aussieht, weiß er noch nicht.
Unterstützen Sie die Arbeit von Tierärzten und Sozialarbeitern
asphalt e. V. / fiftyfifty
Stichwort: underdog
Postbank Essen, BLZ 360 100 43
Konto 539661 – 431
www.fiftyfifty-underdog.de
Quelle: Nippers – das Stadtmagazin für Hunde
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sabine | am 30. Dezember 2010 um 09:08 Uhr
Ich habe vor einigen Wochen einem obdachlosen Pärchen mit Hund einen Leine geschenkt und selten so eine Freude erlebt. Geld gebe ich nie. Die Beiden waren sehr nett zu ihrem Hund und es war extrem kalt. Hund war aber im Schlafsack. Es ging diesem Hund besser als vielen Wohlstandshunden, die unter zu wenig Bewegung und Kontakt zu Artgenossen leiden. Ich werde mich gezielter mit den Hunden und den Obdachlosen beschäftigen,weil eine leine glücklich gemacht hat. Bin mir nur noch nicht im Klaren, wie…














Franca | am 23. Dezember 2010 um 23:54 Uhr
Lehrreicher Artikel. Cool, wenn man sowas auch mal aus einer anderen Perspektive betrachten kann.